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    Fakultät für Humanwissenschaften

    Studieren in Coronazeiten

    25.05.2020

    Das Coronavirus verschont auch Studierende nicht. Viele von ihnen erleben oder befürchten negative Konsequenzen für Studium und Alltag. Das zeigt eine neue Studie der Universität Würzburg.

    Wegen der Corona-Pandemie läuft das Studium derzeit in der Hauptsache digital und online. Das stellt Studierende vor einige Herausforderungen.
    Wegen der Corona-Pandemie läuft das Studium derzeit in der Hauptsache digital und online. Das stellt Studierende vor einige Herausforderungen. (Bild: Jan Forkel / Universität Würzburg)

    Welche Auswirkungen hat die aktuelle Corona-Pandemie auf das Alltagsleben von Studierenden der drei Würzburger Hochschulen? Wie erleben sie Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkung, soziale Distanzierung und Quarantäne? Wie kommen sie mit den Veränderungen zurecht? Mit welchen Gefühlen blicken sie in die Zukunft?

    Diese und viele weitere Fragen haben Forscherinnen und Forscher vom Lehrstuhl für Psychologie I und dem Zentrum für Psychische Gesundheit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) in einem Forschungsprojekt untersucht. Ziel des Projekts ist es unter anderem, Informationen über die aktuellen Sorgen, Ängste und Empfindungen, die momentane berufliche und persönliche Lebenssituation und die Mediennutzung zu sammeln, um auf diese Weise herauszufinden, wie die psychische Widerstandsfähigkeit in herausfordernden Zeiten wie diesen gefördert werden kann.

    Mehr als 3.900 Teilnehmerinnen und Teilnehmer

    Mitte April, zu Beginn der durch Corona bedingten Einschränkungen in Deutschland, haben die Wissenschaftler die Umfrage gestartet; jetzt liegen die ersten Zwischenergebnisse vor. Insgesamt haben 3.385 Studierende der Universität Würzburg alle Fragen beantwortet. Zudem haben 454 Studierende der FHWS und 82 Studierende der Hochschule für Musik Würzburg an der Befragung teilgenommen. Von ihnen geben 66 Prozent an, dass sie sich mindestens einmal täglich über das Corona-Geschehen informieren.

    Der Großteil (91 Prozent) berichtet, dass ihre Hochschule angemessen auf die Corona-Virus-Pandemie reagiert, allerdings erwartet auch eine deutliche Mehrheit zumindest für die nahe Zukunft negative Auswirkungen auf Studium und Alltag durch die Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie.

    Die Ergebnisse im Detail:

    Corona-Auswirkungen

    Die Studierenden erleben oder erwarten größtenteils negative Auswirkungen in den folgenden Bereichen:

    • 83 % erleben oder erwarten negative oder sehr negative Auswirkungen auf soziale Kontakte.
    • 82 % auf die Mobilität.
    • 57 % erleben oder erwarten negative oder sehr negative Auswirkungen auf ihre psychische/emotionale Befindlichkeit (61 % der weiblichen und 49 % der männlichen Studierenden).
    • 54 % auf ihre Zukunftspläne (66 % der ausländischen Studierenden).
    • Außerdem ist festzustellen, dass immerhin 30 % negative oder sehr negative Auswirkungen auf ihre finanzielle Situation erleben oder erwarten (39 % der ausländischen Studierenden), 38 % erwarten negative oder sehr negative Auswirkungen auf ihre geistige Leistungsfähigkeit (45 % der ausländischen Studierenden) und insgesamt 29 % auf ihre körperliche Leistungsfähigkeit.

    Corona und Studium

    • 43 % der Studierenden erleben oder erwarten sehr negative Auswirkungen auf Übungen und praktische Veranstaltungen (33 % der ausländischen Studierenden). Bei Studierenden der Hochschule für Musik liegt dieser Anteil mit 94 % sehr viel höher – was in erster Linie daran liegt, dass Studierende der HfM beim konsequenten Üben von Instrumentalspiel und Gesang auf enge persönliche Betreuung angewiesen sind. Sehr negative Auswirkungen erwarten 39% auf den Kontakt mit anderen Studierenden (30 % der ausländischen Studierenden), 31 % auf externe Praktika (23 % der Studierenden von MINT-Fächern).
    • Nicht ganz so negative, aber doch überwiegend negative Auswirkungen werden auch berichtet beziehungsweise erwartet in Bezug auf Vorlesungen, Seminare und den Kontakt mit Dozentinnen und Dozenten sowie auf Prüfungsleistungen und Abschlussarbeiten.
    • Ausgeglichener sind die Erwartungen hinsichtlich Berufsaussichten: Hier erwarten 80 % keine Auswirkungen der Corona-Pandemie, aber doch noch 15 % negative oder sehr negative Auswirkungen (12 % der Studierenden von MINT-Fächern; 33 % der ausländischen Studierenden). 31 % der Studierenden der FHWS und 35 % der Studierenden der Hochschule für Musik erwarten negative oder sehr negative Auswirkungen für ihre Berufsaussichten.

    Digitale und Online-Lehre

    Die Umstellung des Lehrbetriebs in diesem Sommersemester auf digitale beziehungsweise Online-Angebote stößt überwiegend auf positive Resonanz:

    • 57 % der Studierenden sind dieser Lehrform positiv gegenüber eingestellt (65 % der Studierenden von MINT-Fächern), 18 % neutral und 26 % negativ. Allerdings finden sich bei Studierenden der Hochschule für Musik lediglich 38 % mit positiver Einstellung. Das dürfte auch in diesem Fall auf die Tatsache zurückzuführen sein, dass instrumental- und gesangspraktischer Unterricht in Online-Formaten den gewohnten Unterricht nur unzureichend ersetzen kann.
    • Positiv gesehen wird, dass diese Form der Lehre mehr zeitliche Flexibilität mit sich bringt (68 %) und die digitale Kompetenz erweitert (45 % von allen; 49% der weiblichen Studierenden; 53 % der ausländischen Studierenden).
    • Ein Großteil der Studierenden hat auch die notwendige Ausstattung für die digitale Lehre und erwartet dadurch keine zusätzlichen Kosten, allerdings trifft dies auf ca. 10 % der Studierenden nicht zu (14 % der ausländischen Studierenden). 18 % der Studierenden der Hochschule für Musik erwarten zusätzliche Kosten, weil sie für eine akzeptable Audioqualität im praktischen Instrumental- und Gesangsunterricht ein weitaus besseres Equipment benötigen.
    • Negativ gesehen wird, dass das Studium dadurch unpersönlicher wird (76 % von allen; 54 % der ausländischen Studierenden) und es mehr zu Einzelkämpfertum führt (54 %).

    Angst vor Corona

    • Die Angst vor Corona ist breit gestreut, aber nur eine kleinere Gruppe der Studierenden hat starke Angst im Zusammenhang mit Corona.
    • Prinzipiell gilt: Frauen haben mehr Angst als Männer; ausländische Studierende mehr als deutsche sowie Studierende, die sich aktuell nicht am Studienort befinden, mehr als diejenigen, die in Würzburg geblieben sind. Auch bei Studierenden, die mehr als zwei Stunden täglich soziale Medien nutzen, ist die Angst stärker ausgeprägt.

    Allgemeine Angaben zur Befragung

    Von den Studierenden, die an der Befragung teilgenommen haben, waren 68 Prozent weiblich, 31 Prozent männlich, ein Prozent hat keine Angaben gemacht. Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 23 Jahren. Da aktuell keine Präsenzlehre stattfindet, befanden sich nur 45 Prozent der Befragten zum Zeitpunkt der Befragung am Studienort in Würzburg. Unter den ausländischen Studierenden waren es 55 Prozent.

    Bei ca. drei Prozent der Befragten gab es im privaten Umfeld eine Covid-19 Erkrankung mit schwerem Verlauf oder Todesfall, bei weiteren 16 Prozent mit einem leichten Verlauf.

    Studierende sind ungleich betroffen

     „Diese Ergebnisse unserer Befragung zeigen ein differenziertes Bild“, sagt Professor Paul Pauli, Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie I an der JMU. Auf der einen Seite kämen die Studierenden mit der Online-Lehre größtenteils gut zurecht und sehen darin auch Vorteile, auf der anderen Seite erwarte ein nicht zu vernachlässigender Teil negative Auswirkungen auf Studium und berufliche Zukunft.

    Auch werde klar, dass die Corona-Pandemie nicht alle Studierenden gleichermaßen betrifft, so Pauli. Insbesondere ausländische Studierende und Studierende in Studiengängen mit vielen praktischen Anteilen befürchten negative Auswirkungen durch Corona oder die notwendigen Gegenmaßnahmen.

    Pauli hat die Studie gemeinsam Matthias Gamer, Professor für Experimentelle Klinische Psychologie und Grit Hein, Professorin für Translationale Soziale Neurowissenschaften durchgeführt. Daran beteiligt waren die Professorinnen Silke Neuderth, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften der FHWS, und Maria Schuppert, Leiterin Musik & Gesundheit an der Hochschule für Musik.

    Im nächsten Schritt werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Daten genauer auswerten, um Risikogruppen zu identifizieren und um langfristige Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Studierenden zu beschreiben.

    Kontakt

    Universität Würzburg:
    Prof. Dr. Paul Pauli, T: +49 931 31-82843, pauli@psychologie.uni-wuerzburg.de

    FHWS:
    Prof. Dr. Silke Neuderth, T: +49 931 3511-8312, silke.neuderth@fhws.de

    Hochschule für Musik:
    Prof. Dr. Maria Schuppert, T: +49 931 32187-3554, maria.schuppert@hfm-wuerzburg.de

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