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    Institut für Psychologie

    Eine kurze Geschichte des Psychologischen Instituts


    Oswald Külpe am Doppelschallpendel
    Foto: Sammlung AWZ, Universität Würzburg

    Gründungsphase durch Oswald Külpe

    Das Institut für Psychologie der Universität Würzburg wurde bereits 1896 von Oswald Külpe begründet, der zwei Jahre zuvor den Ruf auf eine Professur für Philosophie und Ästhetik angenommen hatte. In den Aufbaujahren wurde er maßgeblich von Karl Marbe unterstützt, der aus Freundschaft zu Külpe von der Universität Bonn nach Würzburg gewechselt war, sich hier habilitierte und als Privatdozent eigenständig wirkte. Marbe war es auch, der zusammen mit seinen Doktoranden August Mayer und Johannes Orth die ersten Experimente der später so bekannten Würzburger Schule der Denkpsychologie initiierte und publizierte. Als Marbe 1905 einem Ruf an die Akademie für Handels- und Sozialwissenschaften nach Frankfurt folgte und dort das noch heute bestehende psychologische Institut der Frankfurter Universität gründete, setzte Külpe insbesondere mit seinem Assistenten Karl Bühler die denkpsychologische Forschung in Würzburg fort. Ein öffentlich ausgetragener Disput des jungen Bühler mit dem 75-jährigen Wilhelm Wundt machte die Würzburger Schule – ein Begriff der 1907 von Albert Michotte erstmals verwendet wurde – erst so richtig bekannt. Die Psychologie der Würzburger Schule war dabei keineswegs an den Ort Würzburg gebunden und wurde von Külpe auch nach seiner Berufung an die Universität Bonn im Jahr 1909 fortgesetzt. So ist es auch zu verstehen, dass Otto Selz zur Würzburger Schule der Denkpsychologie zählt, obwohl er nicht in Würzburg war. Neben Karl Bühler und Otto Selz waren noch weitere bedeutende Psychologen in Würzburg tätig, so z.B. Narziß Ach, Kurt Koffka, Max Wertheimer, Henry Jackson Watt, Richard Pauli, Albert Michotte und auch Charles Spearman. 

    Karl Marbe 1909, gemalt von seiner Frau Milly Marbe-Fries.
    Bild: Sammlung AWZ, Universität Würzburg

    Die Marbe Periode

    Karl Marbe kehrte im Wintersemester 1909/10 als Nachfolger Külpes auf ausdrücklichen Wunsch der Fakultät nach Würzburg zurück. Er sollte das Institut bis zu seiner Emeritierung 1935 leiten und war hier so lange tätig wie kein anderer Lehrstuhlinhaber vor und nach ihm. Marbe hatte seine Forschungsinteressen inzwischen mehr der angewandten Psychologie zugewandt, war als einer der ersten forensischen Psychologen als Gerichtsgutachter tätig, verfasste Werke über Werbe- und Konsumentenpsychologie, entwickelte eignungsdiagnostische Verfahren u.a. für Zahnmediziner, befasste sich intensiv mit Betriebsunfällen und führte Produktstudien für die Industrie durch, so z.B. ob schäumende oder nicht schäumende Zahnpasta besser beim Kunden ankommt. Marbe gelang es dadurch, Würzburg als eine Hochburg der angewandten Psychologie zu etablieren. Aber er befasste sich auch mit der reinen Wissenschaft und entwickelte eine umfangreiche Theorie der Gleichförmigkeit, mit der er u.a. Phänomene der Suggestion und des Gedankenlesens erklärte. 

    Das Institut unter Jesinghaus in der NS-Zeit

    Als Marbe 1935 in den Ruhestand versetzt wurde, folgte ihm auf Druck der Reichsleitung der NSDAP und gegen den Willen der Fakultät der aus Argentinien zurückgekehrte ehemalige Doktorand Wilhelm Wundts und Ernst Meumanns, Carl Jesinghaus. Jesinghaus gelang es zu Kriegsbeginn, den Forschungsbetrieb des von der Schließung bedrohten Instituts aufrecht zu erhalten. Er selbst publizierte in seiner zehnjährigen Würzburger Zeit nichts und wurde im August 1945 von der Militärregierung entlassen.

    Die Aufbauphase nach dem Krieg unter Kafka und Arnold

    Gustav Kafka
    Foto: Sammlung AWZ, Universität Würzburg
    Wilhelm Arnold
    Foto: Sammlung AWZ, Universität Würzburg

    Nach dem Krieg gab es zunächst kein psychologisches Institut mehr, da dieses wie fast die gesamte Stadt Würzburg in dem verheerenden Bombenangriff vom 16. März 1945 zerstört wurde. Der 1947 aus Dresden nach Würzburg berufene Gustav Kafka war es schließlich, der in den Ruinen der Universität den Wiederaufbau des psychologischen Instituts unter schwierigsten Bedingungen in Angriff nahm. Bis zu seinem Tod im Februar 1953 konnte er den Betrieb wieder herstellen und er machte sich zusammen mit Johannes von Allesch einen Namen als Neubegründer der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. 

    Auf Kafka folgte der bis dahin in der Berufsberatung der Arbeitsverwaltung Nürnberg tätige Wilhelm Arnold. Er knüpfte ein Stück weit an die angewandte Forschungstradition Marbes an und es gelang ihm das Institut als festen Bestandteil der Würzburger Universität zu etablieren. Dass Arnold von 1964 bis 1966 Rektor der Universität war, war der Entwicklung des Instituts zu seiner heutigen Größe sicherlich nicht abträglich.

    Die bis heute anhaltende Ausbauphase

    Noch in der bis 1978 andauernden Arnold-Phase begannen der Ausbau und die Ausdifferenzierung des Instituts. Zunächst übernahm Ludwig Pongratz ab 1966 den Lehrstuhl für Psychologie II, gefolgt von Otto Heller, der 1975 den Ruf auf den Lehrstuhl für Psychologie III annahm und damit die Lehrstühle I und II um das Lehr- und Forschungsgebiet der Allgemeinen Psychologie und der Methodenlehre entlastete. Die Forschungsschwerpunkte Hellers lagen in der Bezugssystemforschung und in späteren Jahren vorwiegend in der psychologischen Schwerhörigkeitsdiagnostik. Bereits 1982 wurde der Lehrstuhl III durch eine Professur für Methodenlehre verstärkt, die mit Hans-Peter Krüger einen langjährigen und insbesondere in der Verkehrspsychologie sehr erfolgreichen Vertreter fand. 

    Ebenfalls 1982 wurde schließlich Wilhelm Janke als Nachfolger von Arnold nach Würzburg berufen. Janke gelang es u.a. einen Schwerpunkt in der Pharmakopsychologie in Würzburg zu etablieren. Bereits ein Jahr nach seiner Berufung erfolgte der Ausbau des Lehrstuhls I durch eine Professur für Differentielle Psychologie, die mit Wilfried Hommers besetzt werden konnte und der hier über viele Jahre Akzente in der forensischen Psychologie setzte. Eine weitere Ausdifferenzierung gelang mit der Berufung von Heiner Ellgring im Jahr 1991, der sich fortan um die Ausbildung der Studierenden in Interventionspsychologie kümmerte.

    Berücksichtigt man die 1972 in die Universität Würzburg aufgegangene Pädagogische Hochschule, so hat der Lehrstuhl für Psychologie IV eine deutlich längere Geschichte: Eingerichtet wurde er bereits 1959 und zunächst mit Wilhelm Salber gefolgt von Ludwig Pongratz besetzt. Ab 1969 übernahm Heinz Alfred Müller den Lehrstuhl, der 1972 in die Erziehungswissenschaftliche Fakultät eingegliedert und 1977 zu einem Bestandteil des Instituts für Psychologie wurde. 1989 erhielt Wolfgang Schneider den Ruf auf diesen Lehrstuhl, dessen Vertretung er umgehend antrat, bis 1991 schließlich seine Ernennung erfolgte. Schneiders Forschungsschwerpunkte lagen in der Gedächtnis-, Legasthenie- und Dyskalkulieforschung. Pionierarbeit leistete er auch in der Diagnose und Förderung von Hochbegabten durch die Einführung des Würzburger Frühstudiums. Im Jahr 1994 wurde auch dieser Lehrstuhl verstärkt durch eine eigene Professur für Entwicklungspsychologie, die zunächst mit Beate Sodian besetzt wurde.

    Gleichermaßen fand 1994 der Lehrstuhl III in der Nachfolge Heller mit Joachim Hoffmann einen Vertreter der kognitiven Psychologie wodurch am Lehrstuhl ein neuer und im weiteren Verlauf sehr erfolgreicher Forschungsschwerpunkt entstand. Im Focus des Interesses lagen dabei die kognitiven Aspekte der Steuerung menschlichen Verhaltens.

    Als Pongratz 1982 emeritiert wurde, gelang es viele Jahre lang nicht, den Lehrstuhl II neu zu besetzen. Erst mit der Berufung von Fritz Strack im Jahr 1995 erlangte die am Lehrstuhl gelehrte und erforschte Sozialpsychologie internationale Bekanntheit. 

    Diese Expansions- und Differenzierungsphase des Würzburger Psychologischen Instituts setzt sich bis in die heutige Zeit fort und ist begleitet von einem starken Wachstum an Forschungsstärke, Publikationen, Drittmittelprojekten und nicht zuletzt Studierenden. Heute zählt das Psychologische Institut wie bereits Jahrzehnte zuvor zu einem der angesehensten in Deutschland. 

     

    Literaturempfehlung zur Vertiefung: 

    W. Janke & W. Schneider (1999). Hundert Jahre Institut für Psychologie und Würzburger Schule der Denkpsychologie. Göttingen: Hogrefe.

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